„Die Ära der Bemutterung ist endgültig vorbei“
Migrantische Selbstorganisationen üben fundierte Kritik an den etablierten NGOs
„Equality Standards“ scheint das Modewort in der antirassistischen Szene zu sein. Demnach sollen Organisationen dafür Sorge tragen, dass ein gewisser Prozentsatz ihrer MitarbeiterInnen Migrationshintergrund hat. Ein Blick in die Organisationslandschaft jedoch zeigt genau das Gegenteil, noch schlimmer, hier gibt es nicht einmal die Bereitschaft, sich konkret mit diesem Equality-Standard-Prinzip auseinander zu setzen. (…)
An dieser Stelle drängen sich Fragen auf wie: Wer hat welche Macht? Wer hat Zugang zu Ressourcen? Wer trifft Entscheidungen und über wen? Wer arbeitet für wen? Dient Antirassismus-Arbeit nur mehr der Sicherung und dem Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes? Wer hat welchen Einfluss? Auf wessen Pressemeldungen und -konferenzen achten die Medien am ehesten? Wer kommt bei Subventionsgebern besser an? Wie bereit sind so genannte „etablierte“ NGOs, ihre Macht abzugeben bzw. zu teilen? Sind sie bereit, die (oft zu gut gemeinte) Stellvertretungsrolle aufzugeben bzw. Platz für die heranwachsenden SOMs zu machen? Wer hat Angst vor wem? Wie lange werden sich MigrantInnen bzw. SOMs noch in die Opferrolle drängen lassen?
Wäre hier eine Revolution denkbar? Angenommen, die Revolution findet statt und die SOMs übernehmen die Kontrolle über ihr Schicksal, würden die Subventionsgeber insbesondere der Stadt und der EU weiterhin bereit sein, Mittel zur Bekämpfung von Rassismus zur Verfügung zu stellen? (…)
Als sich der Verein Schwarze Frauen Community vor 2 Jahren als Selbstorganisation von schwarzen Frauen unterschiedlicher Herkunft der Öffentlichkeit vorstellte, gab es unterschiedliche Reaktionen sowohl positive als auch negative. Von manchen Leuten aus der antirassistischen bzw. kulturpolitischen Szene kamen Vorwürfe und Bemerkungen wie „Wieso ghettoisiert ihr euch? Wir sind doch auch für euch da“, „Es ist doch rassistisch und ausgrenzend, keine weißen Frauen als ordentliche Mitglieder bei euch aufzunehmen“ etc.
Wir sind hart geblieben, denn um uns Schwarze Frauen zu organisieren, brauchen wir wirklich keine Erlaubnis und auch keine Bevormundung. Wir brauchen lediglich Raum, Ressourcen, Allianzen und Netzwerke. Wir brauchen gute Kontakte, aber keineswegs solche, die meinen, uns sagen zu müssen, wie es geht, und schon gar keine, die uns aufhalten wollen.
Apropos Ressourcen und Raum. Die Debatte beginnt spannend zu werden, wenn es um die immer geringer werdenden Ressourcen geht. Da kommen Seilschaften und Machtspielereien hinzu. Die Frage der Kompetenzen wird in den Mittelpunkt gestellt. Sowohl von der Seite der NGOs als auch vom Geldgeber aus. Es beginnt schon bei den Vergaberichtlinien. Meistens fließen Subventionsgelder an große „etablierte“ Organisationen. Das bedeutet, dass kleine Organisationen, meist Selbstorganisationen, so gut wie keine Chancen haben. Und wenn, dann bekommen sie in der Regel nicht einmal genug, um sich über Wasser zu halten. Das wiederum bedeutet Selbstfinanzierung und Ausbeutung der eigenen Ressourcen, wenn man weiterhin bestehen will. Die Frage ist: Wie lange und nachhaltig können Arbeiten, die so produziert werden, bestehen?
Oft kommt es zu Kooperationen zwischen Selbstorganisationen und „etablierten“ NGOs. Diese Kooperationen folgen in der Regel einem bestimmten Muster: SOMs werden nur selten bei der Entstehung von Projektideen eingebunden. Meistens werden sie erst in der Durchführung und noch öfter als Teilnehmerinnen eingeladen. So bleiben sie Objekte und werden keinesfalls Subjekte, was die Zusammenarbeit betrifft. Sie können weder mitentscheiden noch sich als gleichberechtigte Partnerinnen einbringen. Es wird erwartet, dass sie fleißig und mit Begeisterung teilnehmen. Und wenn sie dann beispielsweise nicht zu einer Podiumsdiskussion über migrationsrelevante Hintergründe kommen, wundern und beklagen sich die „etablierten“ NGOs über die Passivität bzw. das fehlende Engagement der „MigrantInnen“, besonders der schwarzen. (…)
Früher hat diese Vorgangsweise recht gut funktioniert. Nun sind aber auch MigrantInnen, ebenso wie Feministinnen und Homosexuelle dabei, sich in Bewegungen zu setzen. So entstehen die SOMs. Sie wollen mitmischen, mitreden und vor allem sich selbst vertreten, weg von der Stellvertretung. Die Ära der Bemutterung ist endgültig vorbei. Emanzipation, Selbstempowerment und Selbstverwirklichung sind angesagt. Die Zeit ist gekommen, um Privilegien, Ressourcen und Macht zu teilen. (…)
Auszüge aus: „Migrantische Selbstorganisationen (SOMs) zwischen institutionalisierter Machteilung und Antirassismus-Arbeit“ von Beatrice Achaleke, Schwarze Frauen Community Wien
Erschienen in: „Migrantische Selbstorganisation als politische Handlung“, Reader der Equal-Partnerschaft wip work-in-process, Februar 2006
Zu beziehen über office@initiative.minderheiten.at
(Printausgabe 31)
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